Meine Freundin, die Windkraft – oder: Selbstversorger-Firma Stute

Die Basis der eigenen Energieversorgung: Stutes Windrad neben einer Produktionshalle.

Die Basis der eigenen Energieversorgung: Stutes Windrad neben einer Produktionshalle.

Ein paar kleine Schritte, und schon treten die Mitarbeiter des Lebensmittelherstellers Stute aus einer Abfüllhalle für Getränke ins Freie. Ein großer Turm schießt direkt vor ihren Augen in die Höhe. An dessen Ende drehen sich drei Rotorflügel gemächlich im Wind. Ein Windrad während der Mittagspause zum Greifen nah – das ist weder in der Landschaft noch in Bebauungsnähe ein gewöhnlicher Anblick.

Im Paderborner Gewerbegebiet Mönkeloh ist der Windstengel allerdings weder ungewöhnlich noch allein. Stute, Kunde großer deutscher Discounter, betreibt gleich drei Anlagen auf seinem Gelände. Sie leisten zusammen 3,6 Megawatt und sorgen im Verbund mit weiteren regenerativen Quellen inzwischen für einen Beitrag von einem Viertel des gesamten Energiebedarfs.

Erneuerbare Energien und Unternehmen – dieses Thema ist in den meisten Köpfen besetzt durch finanzielle Aspekte wie EEG-Umlage und die von ihr befreiten Firmen. Das riecht nach Konflikt. Für viele Chefetagen sind indes Windräder, Photovoltaik- und Biomasseanlagen längst zu einem integralen Bestandteil der Unternehmensphilosophie geworden.

Ehrgeizige Ziele: Lebensmittelhersteller will 50 Prozent der Energie selbst produzieren

Die Nähe zu den umweltfreundlichen Energieträgern sucht der Paderborner Lebensmittelhersteller Stute nicht von ungefähr. Wer viel Energie benötigt, wie Stute für das Herstellen von Säften und Konfitüren, der muss die Kosten im Blick haben. Im 1000-Mitarbeiter-Unternehmen gibt es daher extra für den Bereich Nachhaltigkeit angestellte Experten.

Diese Abteilung hat mit der Geschäftsführung einen klaren Plan entwickelt: den Kostendruck in der Produktion zu senken. Erreicht werden soll dies mit der Einspeisung des an der Halberstädter Straße produzierten Stroms in den eigenen Produktionskreislauf sowie Energiesparmaßnahmen. Allein für 2013 stehen 14 Millionen Kilowattstunden regenerativ erzeugter Energie zu Buche, bis 2015 sollen zudem 1,5 Prozent weniger Strom eingesetzt werden. Langfristig soll das Unternehmen sich mit der Hälfte der nötigen Energie selbst versorgen.

Stute hat dabei den Vorteil der bis 2014 geltenden Bedingungen des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) erkannt und genutzt. Die Sparpläne folgen diesen Ideen: Wer eigenen Strom verbraucht, statt ihn ins allgemeine Netz einzuspeisen, macht sich unabhängiger von steigenden Energiekosten. Im produzierenden Gewerbe ist dies besonders lukrativ. Der hohe Eigenbedarf ist hier die Motivation, nicht das Einspeisen ins Netz und der auf Gewinn abgestellte Betrieb einer EE-Anlage mit der Abhängigkeit von Vergütungssätzen.

Energie-Agentur: EEG-Umlage wird durch Strom-Selbstversorger netto entlastet

Die Stromgestehungskosten für Windenergie und Photovoltaik sind inzwischen so niedrig, dass der Eigenstrom zudem eine klaren Sparvorteil gegenüber dem Bezug von Fremdstrom aus dem Netz aufweist. Der Anreiz bleibt auch bestehen, wenn man den Preisvorteil einbezieht, den große Firmen mit den Energieversorgungsunternehmen aushandeln können.

Auch bleibt es bei einer Nettoentlastung für die viel diskutierte EEG-Umlage zur Förderung der regenerativen Energien. Aus zwei Gründen. Wie die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) darstellt, wird der selbst produzierte und verbrauchte Grünstrom nicht nach der EEG-Umlage vergütet. Das verringert die Menge des durch das EEG geförderten Stroms und erhöht die Umlage nicht. Durch die Unabhängigkeit eines Unternehmens vom Allgemeinstrom aber fehlt natürlich auch ein Abnehmer von Strom, der mit der EEG-Umlage belegt ist. Dies senkt also die Einnahmen im EEG-Umlage-Topf, aus dem alle regenerativen Energien gefördert werden. Netto aber sieht die Agentur in „noch auf Jahre“ eine Entlastung der Umlage durch „die Differenz zwischen nicht gezahlter EEG-Umlage und nicht bezogener EEG-Vergütung“.

Über den Dächern von Stute: Der Rotor eines von insgesamt drei Windrädern des Paderborner Saftherstellers.

Windrad muss zur eigenen Produktionshalle keinen Mindestabstand einhalten

Für Unternehmen, die buchstäblich frischen Wind in ihre Energieversorgung bringen möchten, ist das Aufstellen von Windenergieanlagen also eine lohnenswerte Angelegenheit. Mit deutlich weniger Konfliktpotenzial als allgemein. Denn die üblichen Abstandsregeln zur Bebauung fallen hier weg. Anders gesagt: Stute hat nichts dagegen, dass Stute unmittelbar neben der eigenen Produktionshalle eins der drei Windräder platziert hat. Abgesehen von benachbarten Gewerbegrundstücken oder Ein- und Ausfallstraßen gibt es keine Nachbarn im Einzugsbereich.

Und so kämpfen innovative und nachhaltige Firmen künftig wohl eher mit den Entscheidern in der Politik. Gegen den Widerstand der Kommune, so Rainer Borggräfe (rechts- und Versicherungsabteilung bei Stute), habe Stute auf Windenergie im Gewerbegebiet gesetzt. Zudem sei es statt der gewünschten zwei größeren Windräder wegen der Bedenken des Flughafens Paderborn/Lippstadt zu dem Kompromiss mit drei kleineren Anlagen gekommen.

Mehr noch grätschen Veränderungen am Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) zukunftsgerichteten Unternehmen in die Pläne. Die Kalkulation würde sofort komplizierter, wenn an der Befreiung des Eigenstroms von EEG-Umlage und Stromsteuer gerüttelt wird. Das von Sigmar Gabriel (SPD) geführte Wirtschaftsministerium der großen Koalition bereitete genau diese Verschlechterung zur Mitte des Jahres 2014 vor. Der Eigenverbrauch des selbst erzeugten Grünstroms soll ab 2015 mit 30 Prozent der EEG-Umlage, ab 2016 mit 35 Prozent und ab 2017 sogar mit 40 Prozent belastet werden.

Der Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) in Nordrhein-Westfalen empfindet die Neuregelungen des EEG als Schlag gegen Bürgerenergieprojekte und Mittelstand. LEE-Geschäftsführer Jan Dobertin merkt an, dass sogar ein von der Bundesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten zu dem Schluss komme, eine weitere Befreiung der Eigenstromerzeugung von der Umlage ziehe keine Erhöhung der EEG-Umlage nach sich. Profiteure seien daher die großen Energieversorger, deren Stellung gegenüber den lokalen und dezentralen Energieproduzenten gestärkt würden.

Es ist einmal mehr eine Politik zugunsten großer Energieversorgungsunternehmen. Sie erschwert es Firmen wie dem Paderborner Unternehmen Stute, als gutes Beispiel beim Umstieg auf die erneuerbaren Energien voran zu gehen.