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Windkraftgegner im Paradies: Wert von Haus und Hof steigt

„Vernunftkraft“ liebt Braunkohle genauso wie unberührte Landschaften: Hier befindet sich die Konzernzentrale Ost. Weil sie kostengünstig in einem thüringischen Tagesbruch (Bildmitte) eingerichtet wurde, ist sie oberirdisch nicht ganz so gut zu erkennen. (Foto/unverändert: Norbert Kaiser; Lizenz: CreativeCommons by-sa-2.5-deed.de)

Berlin. Schluss mit dem wirren Gerede vom Wertverlust durch Windenergie. Die Initiative „Vernunftkraft“ hat ein unschlagbares Geschäftsmodell entwickelt, wie Wutbürger Haus und Hof vergolden können.

Es ist nicht weniger als der Exodus der Windkraftgegner: Mit fröhlichen „Mehrwert, Mehrwert“-Chorälen auf den Lippen verlassen aktuell Hausbesitzer überall im Land ihre Dörfer und Gemeinden. In Erwartung enormer Wertsteigerungen ihrer Immobilien pilgern sie ins Gelobte Land. Das befinde sich der Weissagung nach am Niederrhein und in der Lausitz, am Rande florierender Braunkohle-Abbaugebiete.

Den Hambacher Forst oder Welzow in der Niederlausitz preist die Bundesinitiative „Vernunftkraft“ (Vtk) seinen Kunden (früher Vereinsmitglieder genannt) entsprechend als Grubengoldgrube an. Dort lasse sich besonders gut Kapital aus Gebäuden und Grundstücken schlagen.

Immobilien steigen im Wert, je näher die Braunkohlebagger heran rücken

Die Rechnung des VtK-Vorsitzenden Nikolai Ziegler ist denkbar einfach: „Je näher der Tagebau an die Siedlungen rückt, umso höher steigt automatisch der Verkaufspreis von Haus und Hof.“ Glänzende Geschäfte sind die Regel, wenn RWE und Co. die Einheimischen entschädigen.

Das ist eine Wertsteigerung, von der die Eigenheimbesitzer unter den Windkraftgegnern all die Jahre geträumt haben. „Endlich kommt die Energiewende in unserem Portmonee an.“ Ziegler hat viele Jahre mit Scheingefechten[1] gegen den Klimaschutz vergeudet. Jetzt darf er endlich über das sprechen, wovon er etwas versteht: über Zahlen. Er ist studierter Volkswirt mit Doktortitel.[2]

„An- und Verkaufkraft“ ist frischer Wind für griesgrämige Naturromantiker

In Berlin, dessen urbane Schönheit er seit Jahren der alten Heimat im hessischen Werratal vorzieht, kam Ziegler erst zur „Vernunftkraft“, dann zur Vernunft. „Wer wüsste es besser als ich, dass das Futter für unseren Energiehunger immer außerhalb der Ballungsgebiete produziert wurde und wird. Meinetwegen auch unterhalb, wenn wir an die Steinkohle im Ruhrpott denken“, sagt Ziegler lachend. Und er setzt noch eine Pointe drauf: Am Brandenburger Tor könne er sich nun wirklich kein Windrad vorstellen, in Brandenburg aber natürlich überall.

Der berechnende Volkswirt benötigte Beharrlichkeit, die einstige Sammlungsbewegung griesgrämiger Naturromantiker umzuerziehen. Nun läuft die „Vernunftkraft“-Tochter „An- und Verkaufkraft“ bereits dem Ring deutscher Makler den Rang ab. Reihenweise werden Reihenhäuser am Hambacher Forst oder in Welzow gemakelt, dazu in einem großen Radius um die Tagebaue Wiesen und Wälder aufgekauft. Die Nachfrage nach lukrativen Flächen in Reichweite gefräßiger Schaufelradbagger könne „Vernunftkraft“ kaum noch bedienen.

Widerstand gegen Wind war nur ein Scheingefecht für greise Dörfer

Ohne Wehmut schaut Ziegler zurück. „Es war weder sexy noch ein gutes Geschäftsmodell, immer nur gegen, gegen, gegen zu sein, gegen die Lehre vom Klimawandel, gegen Windenergie, gegen Photovoltaik, gegen Wertverlust.“ Die alte Mär, dass der Wert von Häusern und Grundstücken in der Nähe von Windrädern sinke, sei ohnehin durch nichts zu belegen gewesen. „Natürlich sind 50 Jahre alte Hütten in Kleinkleckersdorf Ladenhüter, aber das ist doch ein geriatrisches Problem“, gibt der Volkswirt jetzt zu. „Ganz ehrlich: Wer kauft denn ernsthaft ein Eigenheim in einem sterbenden Dorf, das Greise nicht verlassen und Ärzte nicht betreten wollen?!“ Mehr noch: „Für den einzigen frischen Wind in diesen Einöden sorgen doch die Windräder. – Das schreiben Sie aber bitte nicht!“

Ziegler hat die depressiven Vernunftkraftmeier mit einer einfachen Formel positiv gewendet: „Seid doch mal f ü r etwas, für Wertsteigerung durch Braunkohle!“ Mit dem Exodus und stabilen Anlagemöglichkeiten verwandelte Ziegler die Wut auf Windräder in neue Energie. Seine Kunden würden sich heute diebisch freuen, wenn ihre neue Heimat von RWE-Monsterschaufeln weggebaggert würde. Schließlich steige mit jedem teuer abgerissenen Dorf der Wert des bedrohten Nachbarortes, der natürlich längst in „Vernunftkraft“-Händen ist.

Neue Heimat Tagesbruch: „Wir sind die Kraft, die aus der Tiefe kommt“

Konsequenterweise hat Ziegler die Berliner Konzernzentrale von „Vernunftkraft“ inzwischen verlegt. Ausnahmsweise mal dorthin, wo die Grundstückspreise buchstäblich ins Bodenlose fallen: in einen der nie enden wollenden Tagesbrüche im Ruhrgebiet.[3] Wo alte Steinkohlestollen pro Jahr hundertfach Löcher in die Erde reißen[4], stürzen die Quadratmeterpreise gleich mit in die Tiefe. Ärger bei den Anwohnern, Goldgräberstimmung bei Ziegler: Er hat von der Ruhrkohle AG in großem Stil Optionsscheine auf die Tagesbrüche der nächsten 100 Jahre erworben. Die Erdlöcher dienen jenen „Vernunftkraftlern“, die durch etliche Braunkohle-Umzüge reich geworden sind, als spottbillige Souterrainwohnungen. „Wir“, sagt Ziegler triumphierend, „sind die Kraft, die aus der Tiefe kommt!“

[1] Für welchen sonstigen Unsinn Windenergie noch verantwortlich gemacht werden soll, beschreibt diese Satire.
[2] Das Personenregister der Vernunftkraftmeier steht hier.
[3] Tagesbrüche zählen für Menschen im Ruhrgebiet zu den jederzeit möglichen bösen Überraschungen.
[4] Spaziergänger, Autobahnen, ja, ganze Siedlungen geraten bei den mehr als 100 jährlichen Tagesbrüchen allein in NRW in Gefahr, wie der westen auflistet.

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