Kommt ein Falke geflogen, wird selbst eine Industriezone zum Vogelschutzgebiet

Einwohner: 570.000, Anzahl der Windräder: null. Schwach, noch lauer als ein Lüftchen, ist der Beitrag der Ruhrgebietsstadt Essen zur Energiegewinnung aus Wind zum Ende des Jahres 2014.

Essen ist nur ein Beispiel für die Probleme der Ballungsgebiete, ihren Energiehunger auf erneuerbar umzustellen. Zu gering ist die Fläche, die Großstädte wegen der einzuhaltenden Abstandsregeln ausweisen könnten.

Deshalb ist es allein schon eine Meldung wert, wenn Städte wie Essen an einem einzigen Windrad arbeiten. Sofort fragt der Interessierte: Wo, bitteschön, kann das denn wohl eine Stellfläche bekommen? Antwort des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV): entweder auf einem Kohlelager in der Nähe des Kanals oder in Bergeborbecks Industriegebiet Econova in der Nähe des Stadthafens.

Für Windenergie in Industriegebieten gibt es Vorbilder etwa in Paderborn. Dort wie in Essen sind viele Vorteile offensichtlich. Keine Wohnbebauung in der Nähe, nur kurze Wege ins öffentliche Stromnetz, ein Beitrag zur Energiewende und wegen der industriell genutzten Großflächen keine Bedenken von Artenschützern.

Bezirksregierung: Der gefiederte Untermieter hat im Eco-Park das Sagen

Keine Bedenken? Falsch. Selbst in einem Industriegebiet hat die Natur das Sagen.

Wenn das geplante Windrad des Entsorgungsbetriebs Harmuth im Essener Econova-Areal nicht Wirklichkeit wird, liegt das nicht zuletzt am Wanderfalken. Ein Pärchen ist bei der Aluminiumfirma Trimet heimisch geworden und hat einen 180 Meter hohen Abgaskamin zu seinem Felsen auserkoren. Der Alu-Hersteller hatte vor Jahren seine Liebe zu den Tieren entdeckt und eine Nisthilfe anmontiert. Nun sind Trimet und Harmuth zu enge Nachbarn, der Kamin nur 350 Meter von der gewünschten Windenergieanlage entfernt. Für den geschützten Wanderfalken sind Abstandsflächen von 1000 Metern zu Windrädern empfohlen.

Nun versuche Harmuth alles, so Rüdiger Steinfelsner von Harmuth, um den Falken eine anderes Zuhause zu bieten. Vier alternative Nistplätze sind bereits an weit entfernten Stellen im Essener Stadtgebiet angebracht worden. „Wir verstehen das als Ausgleichsmaßnahmen im Rahmen des Artenschutzes“, sagt der Assistent der Geschäftsführung. Die Bezirksregierung Düsseldorf als Genehmigungsbehörde allerdings schüttelt stur den Kopf: Kommt ein Vogel geflogen, wedelt die Behörde mit den Bestimmungen. Die Natur schützen, wo der Mensch längst industrielle Strukturen geschaffen hat…

Alle Ideen, den Falken zu einem Umzug zu bewegen, werden abgelehnt. Nisthilfe einfach abhängen: Trimet sei dafür zu gewinnen, Düsseldorf aber nicht. Ohnehin kämen die Falken zurück und nisteten woanders am Kamin, heißt es. Den Falken zu vergrämen, also fern zu halten, sei viel zu aufwändig. „Dafür müssten wir den Turm komplett mit Ölfolie verkleiden“, sagt Steinfelsner, natürlich ist das ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Unternehmen habe großen Respekt davor, so Steinfelsner, dass es sich beim Wanderfalken um einen schützenswerten Vogel handele. Wer sich näher mit dem Greifvogel befasse, könne allerdings auch zu der Frage kommen, ob der Falke überhaupt gefährdet werde oder wie häufig er an Windrädern sein Leben lasse. Und ob das Econova-Paar nicht auch ein Meideverhalten gegenüber dem Windrad zeige.

So liegt ein Fünf-Millionen-Euro-Projekt auf Eis, weil ein Wanderfalke einst als putziger Mitbewohner in einem Industriegebiet willkommen geheißen wurde.

Irre CDU: Essens erstes Windrad führe zur völligen Verspargelung der Stadt

Das ist schon kurios genug. Das Verhalten einiger Stadtteilpolitiker aber grenzt an Slapstick. Während die große Mehrheit der Ratsfraktionen in Essen-Mitte den Harmuth-Plänen positiv gegenüber steht, regt sich im kleinen Bezirk Widerstand. Von der örtlichen Bezirksvertretung meldet ein Sprecher der CDU, Johannes Werner Schmidt, sich gegenüber örtlichen Medien so zu Wort: Man möchte die Verspargelung der Landschaft in Grenzen halten. Econova würde womöglich einen Windrad-Boom unter windfreundlichen Unternehmen auslösen, fürchten die Vorortpolitiker. Schnell verabschiedete die Essener Bezirksvertretung V Mitte 2013 einen Anti-Windkraft-Antrag.

Zur Erinnerung: Essen besitzt bislang kein einziges Windrad. Null Spargel.

Die Bezirksvertretung startet also nicht nur einen albernen und durchsichtigen Blockadeversuch gegen die Energiewende. Auch kann das Muskelspielchen im ehemaligen Kohle-Eldorado keinerlei Folgen haben. Die Stadt besitzt keine Entscheidungsbefugnis im Genehmigungsprozess, und die Ratsfraktionen hören ohnehin nicht auf das Gezeter ihrer Mitglieder im Bezirk.

Und nun zum Wetter…radar

Da besitzt das Harmuth-Windrad im Wanderfalken-Paar gewiss ein mächtigeres Hindernis. Eins, das sogar den Deutschen Wetterdienst (DWD) übertrifft. Denn auch die Wetteraufseher sprechen im Econova-Indugebiet ein Windwort mit. Zustimmen würde der DWD offenbar nur einem Windrad, das im Schatten des Abgaskamins steht und 180 Meter Höhe nicht übersteigt. Sonst würde der Wetterradar des DWD gestört. Hier aber sind die Einigungsaussichten größer, als einen Umzug der Wanderfalken in naturnähere Umgebung zu organisieren…

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